Deutsche Kriegsgefangene in den USA

Deutschlandfunk Kultur - 2015 - 15 Min.

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Reinhold Pabel erlangte in den USA Berühmtheit: Der Wehrmachtssoldat floh aus einem Lager für deutsche Kriegsgefangene und lebte sieben Jahre unentdeckt in Chicago. Andere leisteten Zwangsarbeit bis 1946. Ihre Geschichte ist nur wenigen bekannt.

Ich bin auf dem Weg nach Camp Grant im US-Bundesstaat Illinois. Vor 70 Jahren – Ende des Zweiten Weltkrieges – war hier Reinhold Pabel interniert. Ein Wehrmachtssoldat, der es zu besonderer Berühmtheit in den USA gebracht hat.

Pabel flüchtete aus der Militärkaserne, lebte sieben Jahre unentdeckt in Chicago, arbeitete sich hoch zum Buchladenbesitzer und wurde schließlich vom FBI enttarnt und verhaftet. Seine Memoiren „Feinde sind auch Menschen“ waren für mich der Auslöser, jene Orte in den USA aufzusuchen, an denen einst solche Gefangenenlager für deutsche Wehrmachtssoldaten standen.

Ein Restaurant wie ein Museum

2.500 Wehrmachtssoldaten waren in Camp Grant  inhaftiert. Heute ist aus der ehemaligen Feuerwache des Lagers ein Restaurant geworden. Betrieben von dem Ehepaar Stanley und Yolanda Weisensel – selbst Nachfahren deutscher Einwanderer:

„Ein paar Jahre nach der Eröffnung des Restaurants haben wir angefangen, diese Kriegsandenken zu sammeln. Viele Gäste meinten zu uns: Macht doch ein Museum auf! Und heute führen wir dieses Museum, und die Leute bringen immer noch mehr Sachen vorbei.“

Im gesamten Restaurant – das nun wie ein Museum wirkt – ist fast jede freie Wandfläche mit gerahmten Fotografien, Kriegsdevotionalien und anderen Gegenständen behängt: Bilder von posierenden Soldaten, Kriegspropaganda-Plakate aus dem Ersten Weltkrieg, eine lokale Zeitschrift, die den Tod von Adolf Hitler verkündet. Eine Zeichnung, die unterschiedliche Einheiten der südvietnamesischen Vietcong-Kämpfer zeigt. „Know your enemy“ steht darauf – kenne deinen Feind. Im sogenannten Thanksgiving-Room hängt eine riesige Flagge, auf der General und Präsident Ulysses Grant abgebildet ist, nach ihm wurde dieses Militär-Camp benannt.

Die Geschichte der deutschen Gefangenen wird auf einer Seite des schmalen Gangs zu den Toiletten illustriert. Yolanda erinnert sich noch daran, wie sie selbst als junges Mädchen Notiz von den deutschen Gefangenen nahm:

„Die meisten deutschen Gefangenen, die hierher kamen, waren über die sauberen Bettbezüge und Uniformen und das gute Essen ziemlich überrascht. Auch mit den Wärtern kamen sie bestens aus. Sie schienen recht glücklich und arbeiteten gern, da sie für ihre Arbeit bezahlt wurden. Sie waren froh, dass sie den Krieg hinter sich lassen konnten.“

US-Amerikaner durften mit den deutschen Gefangenen nicht kommunizieren. Dennoch kam es zu vielen Begegnungen. Doch am liebsten lässt Yolanda Weisensel die Wände ihres Restaurants für sich sprechen und widmet sich wieder der Bewirtung ihre Gäste.

150 Kriegsgefangenencamps in den USA

Vorbei an den schier endlosen Feldern Iowas mit ihrer geometrischen Anordnung, gegliedert nur durch Schnellstraßen, fahre ich zum nächsten Ort, an dem einst ein Gefangenenlager für deutsche Soldaten stand. Irgendwo zwischen diesen Feldern liegt Algona – 5.000 Einwohner.

„Wir haben unser Projekt 2001 gestartet.“

Jerry Yocum spricht über die Zeit, als er noch Geschichtslehrer an einer lokalen High School war. Er interessierte sich für die deutschen Gefangenen im Zweiten Weltkrieg, wollte einen Ort der Erinnerung schaffen. Das gelang. 2004 war die Eröffnung in Algona. Die flache, grau gestrichene Holzbaracke ist Jerry Yocums Einschätzung nach das größte Museum in den USA, das sich der Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen widmet.

„Es gab 150 solcher Camps quer über die USA verteilt.“

... erklärt mir der inzwischen pensionierte Geschichtslehrer vor einer USA-Karte mit der Überschrift  „Enemies in our Midst“ – die Feinde mitten unter uns.

„Die meisten Camps waren in Texas, denn dort konnten sie wegen des guten Wetters das ganze Jahr hindurch arbeiten.“

Einige Lager wurden auch nur gebaut, um die Spannungen und die Gewalt unter den pro- und anti-nationalsozialistisch gestimmten Wehrmachtssoldaten zu beenden.

„In Minnesota gab es ein Lager für die Anti-Nazis, wie wir sie nannten, also für Gefangene, die Angst hatten, in Konflikte mit anderen Wehrmachtssoldaten zu geraten. SS-Männer wurden hingegen in ein Lager in Nebraska verlegt.“

Hier im Camp Algona waren etwa 10.000 deutsche Gefangene inhaftiert. Die Entstehung des Lagers schildert ein Dokumentarfilm in dem Museum:

„Es begann 1943 – am Wendepunkt des Krieges. Die Alliierten in Europa und im Pazifik rückten vor und nahmen Tausende Gefangene. Für sie wurde in den USA ein riesiger Komplex errichtet. In Algona kaufte die US-Regierung ein über 100 Hektar großes Grundstück für ein Gefangenenlager. Die Insassen sollten für US-Unternehmen arbeiten. In Algona erwirtschafteten sie etwa 3,5 Millionen Dollar. Als Gegenleistung gab es bis zu 80 Cent pro Tag in Form von Essensmarken.“

Wirtschaftsfaktor Kriegsgefangene

In den gesamten USA wurden durch die Arbeit der Gefangenen ca. 22 Millionen Dollar erwirtschaftet.

(Jerry Yocum:) "Wir brauchten die Arbeitskraft der deutschen Soldaten, um unsere Ökonomie aufrecht zu erhalten, und deshalb brachten wir die Kosten für den Aufbau und die Instandsetzung der Lager auf. 18 Millionen US-Bürger waren beim Militär und konnten nicht hier sein, um zu arbeiten. Ich denke, das war ein fairer Ausgleich.“

(O-Ton Dokumentarfilm:) „So schnell wie das Camp erbaut wurde, so schnell verschwand es auch wieder. 2000 Gefangene wurden im November 1945 nach Europa verschickt, die letzten Personen verließen das Camp Algona im Februar 1946.“

Damit endet der Dokumentarfilm im kleinen Museum von Algona.

Von Jerry erfahre ich außerdem, dass in US-Gefangenenlagern nicht nur über 400.000 Wehrmachtssoldaten, sondern auch einige deutsche Zivilisten inhaftiert waren, die sich während des Zweiten Weltkrieges in den USA aufhielten.

„In North Dakota gab es ein Lager für sogenannte „feindliche Ausländer“. Das waren Zivilisten – Deutsche, Italiener – die dort festgehalten wurden. Aber für die meisten Deutschstämmigen in den USA hat keine Gefahr bestanden, verhaftet zu werden.“

Etwa 11.000 deutsche Staatsbürger, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA lebten, wurden von den US-Behörden verhaftet. Im Vergleich mit anderen Nationalitäten waren das allerdings wenige. Mehr als zehnmal so viele japanischstämmige US-Bürger wurden in der Zeit verhaftet. Schätzungen gehen von 120.000 Menschen aus. Offenbar waren die deutschstämmigen US-Bürger schon zu lange voll assimiliert, als dass sie die US-Regierung im großen Stil inhaftieren wollte.

Zum Abschluss frage ich Jerry Yocum – den pensionierte Geschichtslehrer aus Iowa mit dem Faible für Gefangenenlager – was sich im Vergleich zu heutigen Kriegen verändert hat. Die massenhafte Kasernierung im Heimatland scheint vorbei zu sein.

„Ja, da haben Sie völlig recht: Die Gefangenen aus Irak werden außerhalb der USA interniert. Ich denke auch, es wäre problematisch, Talibanhäftlinge auf den Feldern von Iowa arbeiten zu lassen.“

Letzte Station: Camp Clinton in Mississippi

Hmm, ein Wachturm, da müssen wir mal klettern... Ich klettere über einen Maschendrahtzaun, der Spuren meiner Vorgänger aufweist. Hier irgendwo auf diesem jung bewaldeten Areal befand sich Camp Clinton, das letzte ehemalige Gefangenenlager auf meiner Reise. An diesem Ort im südlichen US-Bundesstaat Mississippi waren einst hochrangige Wehrmachtsgeneräle inhaftiert.

Auf dem Gelände befinden sich die Überreste eines riesigen aus Beton gegossenen Modells des Mississippi-Flussbettes. Für seine Errichtung nutze man die Arbeitskraft der Wehrmachtssoldaten mit dem Ziel das Flutverhalten des schwer zu bändigenden Stromes zu verstehen. Bis heute sorgt der Mississippi in der Region für regelmäßige Überschwemmungen.

„Wir brauchen diese Staudammsysteme, um die Gemeinden zu schützen.“

Mike Allard ist Geschichtsforscher am Mississippi Department of Archives and History in Jackson – der Hauptstadt des Bundesstaates. Niemand hat sich so intensiv mit der Geschichte von Camp Clinton auseinandergesetzt wie er. Ich besuche Mike in seiner Wohnung in der Vorstadtsiedlung nahe der Ortschaft Clinton.

„In Camp Clinton haben die deutschen Gefangenen an diesem Modell des Mississippi-Flussbettes gearbeitet. Aber es hat zu viele von ihnen gegeben. So haben sie sich gegenseitig bei der Arbeit behindert.“

Mike Allard berichtet aus erster Hand. Der Geschichtsforscher hat einige der ehemaligen Wehrmachtssoldaten noch selbst getroffen – 1996 in Clinton. 50 Jahre nach ihrer Entlassung kamen einige Deutsche zurück in ihr ehemaliges Gefangenenlager für ein gemeinsames Erinnern.

„Sie waren ganz aufgeregt, das Modell zu sehen. Abends haben sie ihre Schnapsflaschen aufgemacht und je mehr sie getrunken haben, desto loser wurden ihre Zungen. Es war wie in einer Zeitmaschine. Plötzlich haben sie angefangen so zu sprechen, wie sie es damals getan haben. Sie haben Geschichten von damals erzählt und Lieder von damals gesungen.“

Malende Wehrmachtsgeneräle

Mike erzählt mir, dass viele der Männer während ihrer Gefangenschaft nicht unterrichtet wurden, für was sie jeden Tag schufteten.

„Viele der Männer haben gar nicht gewusst, woran sie gearbeitet haben. Sie dachten, das wäre irgendein Geheimprojekt. Aber sie klagten auch nicht. Ihnen ging es verhältnismäßig gut. Einige von ihnen beschwerten sich sogar darüber, dass sie zu viel aßen und an Gewicht zulegten. Dabei waren die einfachen Soldaten getrennt von den Generälen untergebracht. Die waren in anderen Baracken interniert.“

Der Genfer Konvention nach durften die Generäle nicht zur Arbeit gezwungen werden. So vertrieben sich viele der hochrangigen deutschen NS-Generäle ihre Zeit mit dem Malen von Bildern. Mike Allard ist im Besitz solcher Werke.

„Hinten in der Garage habe ich ein Gemälde vom Grand Canyon. In Farbe. Das Gemälde trägt jedoch keine Signatur.“

Der Geschichtsforscher bringt vier dicke Ordner in sein Wohnzimmer und ein paar lose Unterlagen. Er erzählt mir von der Zeit, als er das Thema für seine Diplomarbeit zu erforschen begann und zeigt auf Fotos von inhaftierten Generälen.

„Das ist Papa Ramcke, also Fallschirmjäger-General Bernhard Hermann Ramcke. Er war für die Zerstörung der Brester Festung im Nordwesten Frankreichs verantwortlich. Aber der meistgehasste war wohl Dietrich von Choltitz. Er wollte Paris niederbrennen. Wenn wir auf die Generäle blicken, muss ich sagen, es gab eine Teilung in Franzosen und Afrikaner. Das heißt diejenigen, die in Nordafrika gefangen genommenen wurden, waren meistens pro Hitler und glaubten an den Endsieg. Die Franzosen dagegen, die die Zerstörung Europas, Berlins und die heranrückenden Alliierten gesehen hatten, hatten eine etwas realistischere Sicht auf den Kriegsverlauf. Aus diesem Grund kamen beide Gruppen nicht sonderlich gut miteinander aus.“

Durch die Gefangenen kam der Krieg nach Clinton

Als er mir von seinen Forschungsergebnissen erzählt, lebt Mike sichtlich auf.

„Man wusste, dass einige SS-Männer unter den Gefangenen waren, denn sie verübten Sabotageakte. Am Flussmodell beschädigten sie z.B. Werkzeuge. Aber es gab auch einen Todesfall in Camp Clinton. Der offizielle Bericht sprach von einem Selbstmord durch Erhängen, doch einige der Männer, mit denen ich gesprochen habe, meinten, dass ein SS-Mann den Soldaten gelyncht habe, weil er homosexuell war.“

Zum Schluss frage ich Mike, woher sein Interesse rührt, sich mit den deutschen Gefangenen in den USA so intensiv zu beschäftigen.

„Ich hatte schon immer ein starkes Interesse am Zweiten Weltkrieg. Ich habe viele Kriegsfilme gesehen, und als kleiner Junge habe ich mit Plastiksoldaten gespielt und sie mit Kieselsteinen bombardiert. Und im Grunde genommen kam dieser Krieg auch zu mir nach Clinton. Mit diesen Männern sprechen zu können, hat mir viel bedeutet. Sie waren als Gefangene nicht viel älter, als ich es bei unserem Treffen war. Dabei konnte ich an ihren Kriegserfahrungen teilhaben, ohne selbst im Krieg gewesen zu sein. Und jetzt haben ich 5.000 Seiten an Material, Kopien aller Dokumente, Tagespresse von damals, Prüfberichte und etwa 300 Fotos.“

Mike Allard weiß nicht, wem er all seine Forschungsergebnisse vererben könnte. Ein kleines Museum wie das in Algona oder Rockford soll es in Clinton nicht geben. Damit hat Mike sich inzwischen abgefunden. Gern hätte er mir noch länger von seinen Funden erzählt. Aber ich muss mich wieder auf den Weg machen. Er solle seine Arbeit doch ins Internet stellen, ermutige ich ihn zum Abschied.