African American Natives - Auf der Suche nach den schwarzen Indianern

Deutschlandfunk Kultur - 2014 - 14 Min.

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Auf der Suche nach den schwarzen Indianern

Amerikanische Ureinwohner und Afroamerikaner haben in den USA eine gemeinsame Vergangenheit.

Jimi Hendrix, Michael Jackson und Beyoncé Knowles werden vor allem als Afroamerikaner wahrgenommen. Dabei haben sie auch indianische Wurzeln. Die gemeinsame Geschichte von Indianern und Afroamerikanern ist in den USA wenig bekannt.

New Orleans. Eine liberale und in vieler Hinsicht ungewöhnliche Stadt in den USA. Lange unter spanischer und französischer Flagge, gehört New Orleans erst seit 1803 zu den Vereinigten Staaten. Hier beginne ich meine Suche nach den schwarzen Indianern.

In den Masken und bunten Kostümen der Mardi Gras-Indianer, die vor allem beim Karneval im Frühjahr über den Congo Squarein New Orleans tanzen, überschneiden sich indianische und afrikanische Kulturen. Ihre üppige Federpracht erinnert stark an die zeremonielle Tracht der amerikanischen Ureinwohner. Doch hinter den Masken stecken die Gesichter von Afroamerikanern.

New Orleans war einer der Hauptumschlagplätze des Handels mit Sklaven zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Einigen gelang die Flucht in die umliegenden Sümpfe.

„Indianer und Sklaven lebten gleichberechtigt“ 

Entflohene Sklaven treffen vor 200 Jahren auf die Ureinwohner. Wie begegneten sich beide Gruppen? Wie kam es zu den Mardi Gras-Indianern, die heute auf den Straßen tanzen? Judy, eine Reiseführerin, die ich in New Orleans treffe, malt ein sehr romantisches Bild.

„Die Mardi Gras-Indianer sind eine Hommage an die indigenen Völker Amerikas als Dankbarkeit dafür, wie gut sie unsere Vorväter behandelt haben. Indianer waren sehr tolerant gegenüber den schwarzen Sklaven und haben sie bei sich aufgenommen. Oft bildeten sie auch Familien und lebten gleichberechtigt miteinander.“

Einige Historiker bezweifeln, dass die Auftritte der Mardi Gras-Indianer tatsächlich ein direkter Ausdruck von Dankbarkeit der Afroamerikaner gegenüber den Ureinwohnern Nordamerikas ist. Sie sehen diese Darstellungen vielmehr von Bühnenshows wie Buffalo Bill’s Wild West inspiriert.

Wenn die Mardi Gras-Indianer nur eine Touristenattraktion sein sollen, was sind dann die wahren Zeugnisse einer gemeinsamen Geschichte von  Afroamerikanern und Ureinwohnern? Wo sind gemeinsame Begegnungsorte heute? Ich mache mich auf den Weg, um vor den Toren New Orleans nach Spuren und Menschen zu suchen.

Indianer in Louisiana

Die Bundesstraße 23 schlängelt sich entlang des Mississippi  mit seinen verzweigten Bayous und Sümpfen, die einst das Zuhause zahlreicher Indianervölker waren. Unweit der südlichsten Siedlung im Bundestaat Louisiana, der Fischer-Kommune Vennice, treffe ich auf einen Angler, den ich auf die Indianer in der Gegend anspreche.

„Ich habe mein Angel-Haus von einem Indianer gekauft. Aber nach Katrina sind die meisten von ihnen weggezogen.“

Er deutet auf den Holzstrommast und zeigt mir, wie hoch der Wasserstand hier war, als der Wirbelsturm über das Mississippi-Delta hinwegfegte.

„Billyad ist ein typischer Nachname der hier ansässigen Indianer. Wenn du jemanden findest, der so heißt, dann ist es mit größter Wahrscheinlichkeit ein Indianer. Ich habe ein paar Vollblut-Indianer gekannt, aber jetzt sind sie alle gemischter Abstammung.“

Lange fürchteten die Weißen in Nordamerika, dass Ureinwohner und Schwarze sich gemeinsam bewaffnen und gegen die Europäer erheben würden. Der Gouverneur des Bundesstaates Louisiana, Étienne Périer, befahl afrikanischen Sklaven Ende des 17. Jahrhunderts sogar ein Massaker an den „Chaouacha“ zu verüben, um Zwietracht zwischen den beiden Ethnien zu säen. Eine räumliche Trennung zwischen beiden Gruppen erreichte der US-Kongress 1830. Laut dem damaligen Beschluss wurden die meisten in Louisiana lebenden indigenen Völker in das sogenannte Indianer-Territorium im heutigen Bundesstaat Oklahoma zwangsumgesiedelt. Heute ist diese Vertreibung bekannt als „Trail of Tears“ – der Zug der Tränen.

Ausstellung über gemeinsame Geschichte in Minnesota

Auf meiner weiteren Suche komme ich durch die Stadt St. Paul im Bundestaat Minnesota. Im historischen Fort Snelling wird die Wanderausstellung „Indivisible – African-Native American Lives in the Americas" gezeigt, also – „Untrennbar – Das Leben von Afroamerikanern und Ureinwohnern in Amerika“. Die Ausstellung wurde von der Forschungs- und Bildungseinrichtung Smithsonian Institutionkonzipiert und 2009 zum ersten Mal in den USA gezeigt. Es ist weltweit die erste Ausstellung, die sich in diesem Umfang mit den sogenannten schwarzen Indianern befasst.

Zahlreiche Kindergruppen düsen durch die Gänge der einstigen MilitärkaserneFort SnellingIhr Ausstellungsprogramm umfasst Führungen mit verkleideten historischen Darstellern, die besonders gut bei Familien ankommen. Ein Raum ist jedoch völlig verlassen: Es ist der Raum, in dem sich die Indivisible- Ausstellung befindet.

Auf Transparenten werden Einzelschicksale vieler Menschen in Erinnerung gerufen, die aus gemischten ethnischen Familien stammten. Ein Bild des Musikers Jimi Hendrix ist zu sehen. Das Bild der Sängerin Beyonce Knowles und das von Michael Jackson könnten auch dort hängen. Denn auch wenn sie in den USA primär als Afro-Amerikaner wahrgenommen werden, haben sie auch indianische Wurzeln.

Bei den Besuchern ist das Interesse in diesen Räumen gering. Genauso wie beim Ausstellungsdirektor von Fort Snellingselbst. Auf meine Fragen könne er nicht antworten, weil das gesamte Material vom Smithsonian in Washington stamme und er es nur ausstelle, schreibt er mir.

Auch bei den ansässigen Vertretern der Indianer-Stämme in Minnesota habe ich kein Glück. Wie heißt die Ausstellung, fragen sie mich. Untrennbar? Schwarze und Indianer? Eine gemeinsame Geschichte? Keiner scheint wirklich zu wissen, wovon ich spreche.

Auseinandersetzung um Land

Also mache ich mich auf den Weg nach Washington, um direkt beim Smithsonian mehr über die Ausstellung zu erfahren. Auf der Promenade der US-amerikanischen Hauptstadt, der National Mall, befinden sich die wichtigsten Museen der gesamten USA und auch der Hauptsitz der Smithsonian Institution. Gleich neben dran, im 2004 eröffneten National Museum of the American Indian, treffe ich Penny und Thunder Williams. Beide haben die Indivisible-Ausstellung ko-kuratiert.

„In der Beziehung zwischen den Kolonisatoren und den Afrikanern ging es um Arbeitskraft, in ihrer Beziehung zur den indigenen Völkern ging es um Land.

Ihre gemeinsame Geschichte erzählen wir in Ausstellungen und auch in Schulen. Dann fragen uns die Lehrer, ob das, was wir da erzählen, denn auch wirklich den Fakten entspricht, weil viele wenig darüber wissen. Dafür gibt es einen guten Grund. Die Menschen, um die es hier geht, haben keinen Anteil am Wohlstand dieses Landes. Und den Bewies dafür findest du in jedem Indianerreservat, wo du eine hohe Konzentration von Armut vorfindest; in urbanen Gegenden findest du das gleiche. Um dies zu sehen, musst du nicht weiter gehen als bis nach Detroit, Cleveland oder hier mitten in die US-amerikanische Hauptstadt.“

Penny und Thunder Williams haben beide indianische und afroamerikanische Wurzeln. Über Menschen wie sie, wisse die US-amerikanische Gesellschaft nicht viel.

„Es handelt sich hierbei um eine falsche Geschichtsbildung. Denn der effektivste Weg, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu unterdrücken, ist der, ihnen ihre Identität zu rauben. Die Afrikaner kamen noch vor den Europäern nach Nordamerika und lebten hier in Harmonie mit den indigenen Völkern. Die Vermischung der Indianer mit den Afrikanern fängt nicht mit der Sklaverei an.“

„In Amerika immer noch keine ehrliche Diskussion über Rasse“

Thunder Williams bezieht sich auf Spekulationen einiger Historiker über die Reise des malischen Königs Abubakari II, der sich, Überlieferungen nach, im 14. Jahrhundert mit einer Flotte von 2000 Booten in Richtung Amerika aufmachte.

Penny Williams: „Ich identifiziere mich mit dem Volk der Wompanoag, aber ich weiß auch über meine afrikanischen und europäischen Wurzeln Bescheid, denn man kann sie in den Gesichtern meiner Familie sehen. Ich wurde früh erzogen, diese nicht zu leugnen. Denn in meinem Leben schien man mir immer nur zu sagen, wer ich nicht bin.“

Thunder Williams: „In Nordamerika kannst du immer noch keine ehrliche Diskussion über Rasse und Ethnie führen. Wenn du es versucht, öffnest du die Büchse der Pandora und alle sagen: Müssen wir darüber wirklich reden? Ich nenne das: institutioneller Rassismus. Dagegen müssen wir uns stellen. Egal, ob schwarz, rot oder gelb, du solltest dich fragen: Bin ich an der Aufrechterhaltung dieses System beteiligt? Nehme ich teil an diesem Pomp und den Privilegien dieses rassischsten Systems? Unglücklicherweise halten jedoch viele Afroamerikaner und Indianer dieses System am Laufen.“

Das Ehepaar erzählt mir auch von den Spannungen, die zwischen den afroamerikanischen und den indianischen Communities herrschen.

Thunder Williams: „Einige Afroamerikaner mit indianischer Abstammung werden von ‚vollblütigen‘ Indianern ausgeschlossen. Denn die Kolonisatoren haben das Prinzip ‚Teilen und Herrschen‘ geschaffen, nach dem du beweisen musst, ob du ein Ureinwohner bist.“

Indianer als Sklavenhalter in Kansas

In der Universitätsstadt Cambridge im Bundesstaat Massachusetts – dem letzten Ort meiner Etappe – treffe ich auf Willard R. Johnson. Er ist emeritierter Professor der Politologie am M.I.T. und erzählt mir, wie er anfing, sich für das Thema zu interessieren.

„Meine Großmutter erzählte immer von einem Afroamerikaner namens Charles Davis, den sie als den Tscherokesen bezeichnete. Ich fand heraus, dass Charles Davis der Sklave eines sehr prominenten Tscherokesen war. Die Tatsache, dass er der Sklave eines Indianers war, schockierte mich zutiefst.“

Der Bundestaat Kansas, in dem Johnson aufwuchs, wurde erst 1860 gegründet. Es sollte das neue Zuhause der sogenannten fünf zivilisierten Indianerstämme werden, die hier am Ende ihrer Zwangsumsiedlung – dem Trail Of Tears – ankamen.

„Die Anführer dieser Stämme waren fast alle Sklavenhalter. Indianer, die einfach das Sklaven-System der Südsaaten nachgeahmt haben.“

Professor Johnson erzählt mir, dass sich die meisten der in den USA lebenden Indianerstämme über die Jahre eine Form von Souveränität erkämpft haben, mit eigener Gerichtsbarkeit und der Entscheidungshoheit über die Zugehörigkeit zu ihren jeweiligen Stämmen. So auch bei den Tscherokesen. Sie haben nach einer internen Abstimmung im Jahr 2007 begonnen, den Schwarzen in ihren Reihen die Mitgliedschaft aufzukündigen. Geldgier nennt Johnson als Hauptgrund dafür. Denn je weniger Mitglieder, umso weniger kriegen etwas vom gemeinsamen Kuchen ab.

„Eigentlich gibt es da nicht besonders viel Geld zu holen. Dennoch bildeten die schwarzen Indianer einige Organisationen, um ihre Mitgliedschaft in diesen Stämmen zu verteidigen. Ein Teil davon ist psychologisch motiviert, aber es geht auch um den Zugang zu einem besseren Gesundheitssystem, wie ihn die Indianerstämme genießen. Oder um die Erlaubnis, Glücksspiel außerhalb der Kontrolle des Staates betreiben zu dürfen. Und es gelingt ihnen. Es gibt einen starken Wunsch unter Schwarzen, den indianischen Teil ihrer Geschichte einzufordern, und sie widersetzen sich jedem, der ihnen diese Zugehörigkeit ohne guten Grund verweigert.“

Zu wenig Aufarbeitung der Sklaverei

Willard Johnson erzählt mir abschließend,  dass es heute in den USA wichtig sei, sich ehrlicher mit dem Begriff „race“ – also Rasse – auseinanderzusetzen. Denn bisher gebe es eine mangelhafte Geschichtsaufarbeitung. Vielen Bürgern sei nicht bewusst, in welch großem Ausmaß die Sklaverei die US-amerikanische Gesellschaft beeinflusst und prägt. Diese Unwissenheit trage dazu bei, dass das Erbe des institutionellen Rassismus immer noch sehr präsent ist.

So findet es Professor Johnson unglaublich, dass viele Einwohner der Bildungsbürger-Stadt Boston nicht wüssten, dass ihr Bundesstaat Massachusetts der erste in der Konföderation war, der die Sklaverei einführte.

„A lot of people in Massachusetts are saying: so are you saying there was slavery here? This was the first colony to legitimate slavery. This is incredible. "